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BioCapture: Österreich schreibt Fingerabdruck-Geschichte weiter

Vor mehr als 120 Jahren setzte die Wiener Polizei als eine der ersten Polizeibehörden Europas systematisch auf Fingerabdrücke. Heute führt Österreich diese Tradition mit „BioCapture“ fort: Polizistinnen und Polizisten können Fingerabdrücke kontaktlos mit dem dienstlichen Smartphone erfassen und innerhalb weniger Minuten mit polizeilichen Datenbanken abgleichen.

Die Wiener Polizei erkannte das Potenzial früh

Die internationale Entwicklung der Daktyloskopie begann bereits im 19. Jahrhundert. In Britisch-Indien verwendete der britische Kolonialbeamte William James Herschel Finger- und Handabdrücke zur Identifizierung. In Argentinien entwickelte der Polizeibeamte Juan Vucetich ein eigenes Klassifizierungssystem. 1892 trug ein blutiger Fingerabdruck dort erstmals entscheidend zur Aufklärung eines Mordfalls bei.

Bild: Fingerabdruck Anno 1902. Foto: Amtsbibliothek und Archiv der Landespolizeidirektion Wien

Österreich gehörte weltweit zur frühesten Spitzengruppe und Wien war nach London die zweite europäische Stadt mit einer systematischen polizeilichen Fingerabdruckregistrierung. In England und Wales wurde die Daktyloskopie 1901 eingeführt, in Wien begann ihre systematische Nutzung 1902. Nach einer Erprobungsphase wurde das System Galton-Henry ab 1903 offiziell in Österreich verwendet.

Eine entscheidende Rolle spielte Camillo Windt, der damalige Polizeioberkommissär und spätere Leiter des Wiener Erkennungsdienstes. Er hatte bereits die Anthropometrie – die Identifizierung anhand verschiedener Körpermaße – nach Wien gebracht. Als sich Fingerabdrücke als verlässlicher und leichter organisierbar erwiesen, wurde Windt zu einem entschlossenen Wegbereiter der Daktyloskopie in Wien und in der österreichisch-ungarischen Monarchie. 1904 veröffentlichte er ein umfangreiches Lehrbuch über die neue Identifizierungsmethode.

Bereits 1898 war bei der k.k. Polizeidirektion Wien ein eigenes „Erkennungsamt“ geschaffen worden. Wien beließ es nicht bei einzelnen Versuchen, sondern ordnete die neue Technik systematisch in die Polizeiarbeit ein. 1910 entstand sogar ein umfangreicher Tatortleitfaden mit konkreten Anweisungen zur Sicherung von Fingerabdruckspuren. Dass die Wiener Polizei das Potenzial dieser Technologie so früh erkannte, ihr vertraute und sie organisiert in den Dienstbetrieb übernahm, war vorbildlich – darauf darf man in Österreich durchaus stolz sein.

Die „Wiener Folie“ erleichterte die Tatortarbeit und wurde zu einer internationalen österreichischen Pionierleistung

Die Einführung der Daktyloskopie löste jedoch noch nicht alle Probleme. Fingerabdrücke mussten am Tatort sichtbar gemacht, gesichert und später im Labor untersucht werden. Die damaligen Kameras waren schwer, schlechte Lichtverhältnisse erschwerten die Arbeit und Spuren auf Glasflächen oder an schwer zugänglichen Stellen konnten nur mühsam fotografiert werden. Wurde ein Fingerabdruck auf einem Fenster entdeckt, musste mitunter sogar der gesamte Fensterflügel in das Labor gebracht werden.

Bild: Rudolf Schneider – Er entwickelte 1909 im Erkennungsamt der Wiener Polizei die erste Folie zur Abnahme und Fixierung von Fingerabdruckspuren.
Foto: Archiv/Folien-Vogel-BMI

Der Wiener Polizeiagent Rudolf Schneider suchte deshalb nach einer praktischeren Lösung. Schneider war gelernter Fotograf und Retuscheur und trat 1900 in das Erkennungsamt der Wiener Polizei ein. Dort baute er die fotografische Abteilung aus und beschäftigte sich intensiv mit der Sicherung von Fingerabdruckspuren.

1909 entwickelte er die erste „Folie zur Abnahme und Fixierung von Fingerabdruckspuren“. Die gefundene Spur wurde zunächst mit hellem Pulver sichtbar gemacht. Anschließend wurde eine dunkle, leicht klebende Folie vorsichtig auf die Spur gedrückt. Beim Abziehen übertrugen sich die hellen Papillarlinien auf die Folie. Diese konnte wieder mit einer Schutzplatte abgedeckt, sicher in das Labor gebracht und dort später fotografiert und vergrößert werden.

Die biegsame Folie ermöglichte es erstmals, Fingerabdrücke auch von unebenen oder schwer transportierbaren Oberflächen abzunehmen. Schneider ließ das Verfahren 1911 patentieren. Ab 1915 verwendete er eine transparente Folie und schwarzes Pulver, wodurch seitenrichtige Spurenbilder entstanden. Bis 1938 wurde die „Schneider-Folie“ bereits in 40 Staaten geliefert; später zählten Polizeiorganisationen in mehr als 60 Ländern zu den Kunden des Wiener Unternehmens. Die „Wiener Folie“ wurde damit zu einem internationalen Erfolg österreichischer Kriminaltechnik.

Fingerabdrücke direkt mit dem Diensthandy

Mehr als ein Jahrhundert später setzt „BioCapture“ diesen praktischen Wiener Erfindergeist digital fort. Die gemeinsam vom Bundeskriminalamt, dem Austrian Institute of Technology, dem Softwareunternehmen T3K und der Universität Salzburg entwickelte Technologie benötigt keinen zusätzlichen Fingerabdruckscanner. Die Kamera eines gewöhnlichen dienstlichen Smartphones reicht aus. BioCapture ist eine wegweisende Innovation für die polizeiliche Identitätsfeststellung.

Bild: „BioCapture“ App. Damit können Polizistinnen und Polizisten Fingerabdrücke kontaktlos über das dienstliche Smartphone erfassen und mit polizeilichen Datenbanken abgleichen. Video: BMI / Karl Schober (Screenshot)

Die Anwendung ist für Personen vorgesehen, die sich nicht ausweisen können und deren Identität auf andere Weise nicht eindeutig feststellbar ist. Die Finger werden kontaktlos aufgenommen und die biometrischen Daten verschlüsselt an das Automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungssystem AFIS übermittelt. Innerhalb von weniger als 30 Sekunden können die vier Finger beider Hände aufgenommen werden; der anschließende Datenbankabgleich erfolgt automatisch.

Polizistinnen und Polizisten können dadurch unmittelbar am Einsatzort feststellen, ob eine Person unter falschem Namen auftritt, gesucht wird oder sich rechtmäßig in Österreich aufhält. Zusätzliche technische Geräte und der bisher teilweise notwendige Transport zur nächsten Polizeidienststelle entfallen. Das spart Einsatzzeit, reduziert den administrativen Aufwand und erspart auch kontrollierten Personen eine unnötige Mitfahrt zur Dienststelle.

Die Anwendung schafft dabei keine neuen polizeilichen Befugnisse, sondern unterstützt die Identitätsfeststellung im bestehenden gesetzlichen Rahmen. Die aufgenommenen Fingerabdrücke werden unmittelbar nach ihrer Übermittlung vom Diensthandy gelöscht. Positive Treffer werden nur an das Mobiltelefon der abfragenden Polizistin oder des abfragenden Polizisten übermittelt. Zentral erfolgt lediglich eine statistische Auswertung. Die ursprüngliche Fingerabdruckabfrage wird technisch nicht mit späteren Namensabfragen, Fahndungstreffern, Anzeigen oder Festnahmen verknüpft.

741 Treffer: Gesuchter nach 20 Jahren enttarnt!

Seit August 2025 wurde „BioCapture“ zunächst von ausgewählten Einheiten wie der Fremdenpolizei getestet. Anfang März 2026 wurde auch die Bereitschaftseinheit Wien in den Probebetrieb aufgenommen.

(UPDATE) Bis zum Stichtag 15. Juli 2026 wurde BioCapture bei insgesamt 1.554 Personenkontrollen eingesetzt. Dabei erzielte die Polizei 741 Treffer im nationalen AFIS-System. 431 Treffer betrafen Datensätze aus der nationalen erkennungsdienstlichen Evidenz, darunter Verdächtige und verurteilte Straftäter. Weitere 310 Treffer stammten aus dem Integrierten Fremdenregister und betrafen unter anderem illegal aufhältige Personen und Asylwerber.

Eine vollständige Zahl der daraus folgenden Festnahmen kann technisch nicht ausgewiesen werden, weil die Fingerabdruckabfrage nicht mit späteren Namensabfragen, Fahndungstreffern oder Einsatzberichten verknüpft wird. Die Erfahrungsberichte der beteiligten Dienststellen dokumentieren jedoch zahlreiche Erfolge: Personen mit falschen Identitätsangaben oder fremden Dokumenten wurden richtig identifiziert, bestehende Aufenthaltsverbote und Fahndungen festgestellt und Festnahmen durchgeführt.

Zu den besonders bemerkenswerten Fällen zählt eine mit europäischem Haftbefehl gesuchte Person, die bereits seit rund 20 Jahren unter falschem Namen in Österreich lebte. BioCapture half außerdem bei der Identifizierung eines Opfers von Menschenhandel und Prostitution, dem falsche österreichische Dokumente für mögliche Polizeikontrollen zur Verfügung gestellt worden waren. In einem weiteren Fall konnte auch eine zunächst unbekannte Leiche unmittelbar identifiziert werden.

Freischaltung für mehr als 30.000 Polizistinnen und Polizisten

Mit Stand Juli 2026 konnten rund 500 Bedienstete des Bundeskriminalamts sowie ausgewählter Dienststellen aus vier Landespolizeidirektionen BioCapture in der letzten operativen Testphase nutzen. Diese Testphase ist inzwischen abgeschlossen. Nach Angaben des Bundeskriminalamts soll die Anwendung ab Mitte September 2026 zeitgleich für mehr als 30.000 weitere Polizistinnen und Polizisten freigeschaltet werden. Dafür werden derzeit auch ein SIAK-Onlineschulungsmodul und die technische Benutzerverwaltung vorbereitet.

Österreichische Technologie im europäischen Einsatz

Auch international findet die österreichische Entwicklung Beachtung. Am 2. Juli 2026 präsentierten das Bundeskriminalamt und das AIT „BioCapture“ während der UN Counter-Terrorism Week am Sitz der Vereinten Nationen in New York. Die Technologie wurde dort als internationales Praxisbeispiel für einen verantwortungsvollen, datenschutzkonformen Einsatz biometrischer Systeme vorgestellt.

Ab 2027 soll BioCapture schrittweise an die neuen europäischen biometrischen Systeme angebunden werden. Nach Angaben des Bundeskriminalamts könnte der europäische Verbund im Vollbetrieb voraussichtlich ab 2029 bis zu 400 Millionen biometrische Datensätze umfassen. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Fingerabdrücke und auch nicht zwingend um 400 Millionen unterschiedliche Personen. Erfasst werden können unter anderem Fingerabdrücke, Gesichtsbilder, Namen, Staatsangehörigkeiten und Daten verwendeter Reisedokumente. Der europäische Verbund umfasst insbesondere das Shared Biometric Matching System und das Common Identity Repository. Darin werden Daten aus mehreren EU-Systemen wie EES, VIS, Eurodac, ECRIS-TCN und SIS zusammengeführt beziehungsweise für Identitätsabgleiche miteinander verknüpft.

Von Camillo Windt über Rudolf Schneider und die „Wiener Folie“ bis zum kontaktlosen Smartphone-Abgleich: Die österreichische Polizei erkannte die Bedeutung von Fingerabdrücken früh, setzte die Technik systematisch ein und entwickelte sie immer wieder weiter. Diese Verbindung aus polizeilicher Erfahrung, heimischer Forschung und praktischer Einsatzorientierung ist vorbildlich und stärkt Österreichs Sicherheit.

Bild: Historische Vorführung der Fingerabdruckaufnahme bei der Wiener Polizei Anno 1901-1906.
Foto: Amtsbibliothek und Archiv der Landespolizeidirektion Wien
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