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Krawalle am Stephansplatz: Muss Wien seinen Domplatz besser schützen?

Vier verletzte Polizisten, Vermummte, Flaschenwürfe, Pyrotechnik und ein Transparent mit der Aufschrift „Bullen stressen“: Die Ereignisse vom 25. Juli 2026 haben eine Debatte ausgelöst, die weit über eine einzelne Antifa-Kundgebung hinausgeht. Ein stark verbreiteter Beitrag der Plattform Pro Polizei Österreich brachte die Frage auf den Punkt: Wie oft soll ausgerechnet der Stephansplatz zur Bühne für radikale politische Konfrontationen werden?

Die Sicherheit-Zeitung analysiert den Fall näher und die Folgen der Diskussion im heißen Sommer 2026. Wir halten die dadurch angestoßene Debatte für notwendig. Denn der Stephansplatz ist nicht irgendeine Asphaltfläche in Wien. Er ist religiöses Zentrum, Touristenmagnet, historischer Erinnerungsort und eines der weltweit bekanntesten Bilder Österreichs. Wenn dort Vermummte Polizeisperren bedrängen und Beamte verletzt werden, ist die Grenze einer normalen politischen Auseinandersetzung überschritten.

Vier verletzte Polizisten – und trotzdem „friedlich“?

Am 25. Juli fand am Stephansplatz eine ordnungsgemäß angezeigte antifaschistische Standkundgebung statt. Im Verlauf der Kundgebung näherte sich eine kleine Gruppe, die nicht Teil der Versammlung war und dem rechten beziehungsweise neonazistischen Spektrum zugerechnet wurde. Die Polizei reagierte deeskalierend, verhinderte ein direktes Aufeinandertreffen und forderte diese Personen auf, den Bereich zu verlassen.

Danach eskalierte die Situation jedoch aus den Reihen der Standkundgebung. Es kam zu Flaschenwürfen, zum Einsatz pyrotechnischer Gegenstände und zu wiederholten Versuchen, Polizeisperren zu durchbrechen. Wegen der mehrfach gesetzten gefährlichen Angriffe wurde die Versammlung behördlich aufgelöst. Gleichzeitig befanden sich unter den Teilnehmern zahlreiche vermummte Personen – ein Umstand, der bei vergleichbaren Antifa-Kundgebungen am Stephansplatz bereits in der Vergangenheit zur Auflösung geführt hatte. Vier Polizisten wurden verletzt, drei konnten ihren Dienst nicht fortsetzen. Die erste Polizeibilanz nannte eine Festnahme sowie sechs Anzeigen, davon fünf strafrechtliche und eine verwaltungsstrafrechtliche.

Bemerkenswert ist die mediale Darstellung. Eine österreichische Zeitung hatte noch am Abend des 25. Juli von einer „friedlichen Antifa-Demo“ berichtet und den bis dahin beobachteten Verlauf entsprechend beschrieben. Die detaillierte Polizeibilanz mit Flaschenwürfen, Pyrotechnik, Durchbruchsversuchen und verletzten Beamten folgte am nächsten Tag. Das ist für die journalistische Bewertung wesentlich: Der Bericht über die zunächst ruhigen Phasen war deshalb nicht erfunden – aber die Bezeichnung der gesamten Veranstaltung als „friedlich“ war nach Bekanntwerden der vollständigen Bilanz nicht mehr haltbar.

Eine Demonstration kann friedlich beginnen und gewaltsam enden. Wer jedoch vermummt erscheint – hier waren es mehrere Dutzend – und Böller oder andere für Angriffe geeignete Gegenstände mitführt, kann kaum noch als friedlicher Demonstrant gelten…

sagt Chefredakteur Janetschek. Auch Journalisten sollten mit ihren Titeln bei solchen Ereignissen den Kontakt mit der sichtbaren Realität nicht verlieren. Wenn es ein Problem gab, dann ging es hier von Teilen der Demonstration aus – nicht von der Polizei. Andernfalls entsteht schnell ein falsches Bild davon, wo die Verantwortung für die Eskalation lag.

Bild: Polizei bei Demonstrationen (Symbolbild). Wie lange sollen Polizistinnen und Polizisten bei politischen Kundgebungen immer wieder verletzt werden – und wie lange dürfen staats- und polizeifeindliche Gruppierungen zentrale Bereiche der Innenstadt für ihre Konfrontationen beanspruchen?
Foto: Plattform Pro Polizei Österreich

Wie österreichisch ist die Wiener Antifa-Szene?

Auf spätere Medienanfrage teilte die Landespolizeidirektion Wien der Sicherheit-Zeitung eine weitere interessante Einzelheit mit: Bei der festgenommenen Person handelt es sich um eine 21-jährige griechische Staatsangehörige. Außerdem sprach die Pressestelle inzwischen von sieben angezeigten Personen. Eine Aufstellung ihrer Staatsangehörigkeiten liege nicht vor, weil die jeweiligen Anzeigen von unterschiedlichen Beamten beziehungsweise Dienststellen verfasst worden seien. Interessant wären hier grundsätzlich auch längerfristige Zahlen zu den bei einschlägigen Antifa-Kundgebungen in Wien identifizierten Personen. Denn nicht nur bei pro-palästinensischen Demonstrationen entsteht seit Jahren der Eindruck, dass die Wiener Innenstadt regelmäßig auch von ausländischen Aktivisten als politische Bühne genutzt wird. Auch die Antifa-Szene ist keine originär österreichische Erscheinung, sondern historisch stark deutsch geprägt und international vernetzt; bei Wiener Kundgebungen sind nach langjähriger Beobachtung immer wieder Aktivisten unter anderem aus Deutschland, Italien, Spanien und Griechenland präsent.

Die Frage, wie „österreichisch“ die militante Antifa-Szene in Wien tatsächlich ist, verdient daher eine sachliche Untersuchung. Bereits der österreichische Verfassungsschutzbericht über das Jahr 2013 hielt fest, dass bei Protesten gegen den Wiener Akademikerball auch aus Deutschland angereiste Angehörige des linksextremen Spektrums beteiligt waren. Das BVT dokumentierte damals wiederkehrende Anreisen deutscher Szenemitglieder nach Wien – teilweise gemeinsam in Bussen, teilweise individuell. Bemerkenswert ist auch, dass der Bericht ausdrücklich auf die damals rund 30.000 in Österreich lebenden deutschen Studenten sowie weitere deutsche Staatsangehörige als mögliches Mobilisierungspotenzial der linken Protestszene einging. Bei deutschen Tatverdächtigen zeigte sich zugleich ein Überhang von Personen mit österreichischem Wohnsitz.

Wie sich die Situation heute darstellt, ist mangels vergleichbarer aktueller Zahlen unklar. Gerade diese Daten wären jedoch interessant.

Es geht um die Frage, ob Demonstrationen auf zentralen Plätzen Wiens tatsächlich überwiegend eine österreichische gesellschaftliche Auseinandersetzung widerspiegeln oder ob durch grenzüberschreitende Mobilisierung teilweise ein politisches Bild erzeugt wird, das mit der tatsächlichen Stimmung in der österreichischen Bevölkerung nur begrenzt übereinstimmt

sagt Janetschek, der seit 2015 die österreichische Demonstrationsszene beobachtet – darunter wiederholt Kundgebungen zum Kurdistan-Konflikt vor dem Parlament sowie pro-palästinensische Demonstrationen an zahlreichen Orten, sogar am Wiener Hauptbahnhof.

<< Ist hier tatsächlich die österreichische Demokratie auf der Straße zu sehen – oder sind es zunehmend ausländische Interessen und fremde politische Mächte, die Österreich und sein Versammlungsrecht als Bühne ausnutzen und dabei unsere Sicherheitskräfte mit erheblichem Personalaufwand und hohen Kosten belasten? >>, so Janetschek weiter.

Auch der aktuelle Verfassungsschutzbericht 2025 spricht von einer zunehmenden Zusammenarbeit der österreichischen linksextremen Szene mit Akteuren im europäischen Ausland. Personelle Überschneidungen, gemeinsame Veranstaltungen und internationale Vernetzung werden ausdrücklich beschrieben. Im selben Berichtsjahr registrierte die DSN österreichweit 403 Versammlungen mit Linksextremismus-Bezug, davon 149 im Themenfeld Antifaschismus. Allein 155 dieser Versammlungen fanden in Wien statt.

Gerade deshalb wären bessere Statistiken sinnvoll. Wenn extremistische Versammlungen gewaltsam eskalieren und Personen festgenommen oder strafrechtlich angezeigt werden, ist für die öffentliche Sicherheitsdebatte durchaus relevant, ob überregionale oder grenzüberschreitende Mobilisierung eine Rolle spielt. Nicht die Nationalität an sich ist das Problem. Entscheidend ist, ob gewaltbereite politische Netzwerke Menschen über Grenzen hinweg zu Konflikten nach Wien mobilisieren und dadurch österreichische Plätze für ihre eigenen politischen Auseinandersetzungen benutzen.

„Bullen stressen“: Wenn die Polizei selbst zum Feindbild wird

War von Anfang an eine Konfrontation mit der Polizei geplant oder sogar eine Falle? Nicht nur wurden vermummte Teilnehmer unmittelbar an den Polizeisperren beobachtet, auf einem deutlich sichtbaren Transparent stand auch „Bullen stressen“. Er zeigt unmissverständlich, dass sich die Feindseligkeit zumindest eines Teils der Versammlung nicht ausschließlich gegen Rechtsextreme richtete. Die Exekutive war bereits sprachlich als Gegner markiert. Aus Sicht unserer Redaktion spricht die Kombination zumindest dafür, dass eine Konfrontation mit der Polizei von Teilen der Szene von Anfang an einkalkuliert gewesen sein könnte.

Auch die konkrete Formulierung ist interessant. Die Parole ist aus dem deutschen linksextremistischen Milieu dokumentiert. Der sächsische Verfassungsschutz berichtete etwa über die Parole „Nazis jagen, Bullen stressen“ im Zusammenhang mit linksextremistischen Aktionen, polizeifeindlichen Parolen, Pyrotechnik und Angriffen auf Sachen.

Der aktuelle österreichische Verfassungsschutzbericht beschreibt ebenfalls eine konsequent ablehnende Haltung linksextremer Gruppierungen gegenüber staatlichen Institutionen. Für 2025 dokumentiert die DSN darüber hinaus unangemeldete Demonstrationen und Blockaden in Wien, Linz und Salzburg, die teilweise in gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei mündeten.

Vermummung ist dabei kein belangloses Accessoire. § 9 Versammlungsgesetz untersagt das Verbergen der Gesichtszüge, wenn damit die Wiedererkennung im Zusammenhang mit einer Versammlung verhindert werden soll. Gleichzeitig schreibt das Gesetz ausdrücklich vor, dass eine Festnahme unterbleiben soll, wenn der gesetzmäßige Zustand mit einem gelinderen Mittel hergestellt werden kann. Das erklärt auch, warum die Polizei nicht automatisch zwanzig oder dreißig Vermummte mitten aus einer angespannten Menschenmenge heraus festnimmt. § 11 legt zudem zunächst den Leitern und Ordnern einer Versammlung die Verantwortung dafür auf, Gesetz und Ordnung innerhalb der eigenen Kundgebung zu gewährleisten – für anarchistische Gruppen ein bemerkenswerter Widerspruch, denn feste Leitung und organisierter Ordnungsdienst passen nur schwer zur eigenen politischen Kultur.

Bereits am 21. Februar 2025 hatte die Sicherheit-Zeitung über eine Antifa-Gegendemonstration beim Stephansdom berichtet, bei der die Polizei gegen vermummte Teilnehmer einschritt und die Versammlung schließlich aufgelöst wurde. Wer rund eineinhalb Jahre später am selben symbolträchtigen Ort erneut vermummt auftritt und die eigene Kundgebung durch Regelverstöße und Eskalation gefährdet, betreibt politische Selbstsabotage. Wer für demokratische Ideale demonstrieren möchte, muss zunächst in der Lage sein, demokratische Regeln einzuhalten.

Bild: Eine Antifa-Kundgebung vor dem Stephansdom wurde bereits am 21. Februar 2025 wegen Vermummung und der Verweigerung von Identitätsfeststellungen durch die Polizei aufgelöst. Der Vorfall ereignete sich nur wenige Tage nach dem Amoklauf von Villach, der Österreich erschütterte. Die Antifa hatte eine Gegendemonstration zu einem Trauerzug der Identitären organisiert; Foto: Initiative Pro Polizei Österreich

Der Stephansplatz ist kein beliebiger Demonstrationsort

Hinzu kommt der Ort selbst. Der Stephansdom wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt. Funkenflug aus brennenden Häusern setzte 1945 den gotischen Dachstuhl in Brand; Glocken, Orgel, Kaiseroratorium, Chorgestühl und zahlreiche Kunstwerke wurden zerstört. Der Wiederaufbau dauerte sieben Jahre und wurde von den Bundesländern sowie durch zahlreiche Spendenaktionen getragen.

Versammlungsfreiheit bedeutet jedoch nicht, dass jeder politische Konflikt unabhängig von Sicherheitslage, Ort und Folgen zwingend genau dort ausgetragen werden muss, wo Veranstalter es wünschen.

Der Verfassungsgerichtshof hält ausdrücklich fest, dass die Versammlungsfreiheit gegen andere öffentliche Interessen abzuwägen ist und eine Untersagung bei konkreter Gefährdung der öffentlichen Sicherheit zulässig sein kann. Auch § 6 Versammlungsgesetz schreibt eine Untersagung vor, wenn die öffentliche Sicherheit oder das öffentliche Wohl gefährdet wird.

Die Rechtsordnung kennt zudem bereits ortsbezogene Schutzregeln: Während Parlament oder Landtage tagen, gilt eine 300-Meter-Bannmeile; rechtmäßige Versammlungen besitzen außerdem einen eigenen Schutzbereich gegenüber konkurrierenden Kundgebungen.

Bild: Der Stephansdom im Herzen Wiens. Unter dem Dom befindet sich auch eine historische Begräbnisstätte. Die Debatte dreht sich daher um die Frage, ob ein religiöser, historischer und touristisch bedeutender Ort weiterhin Bühne für Demonstrationen mit hohem Eskalationspotenzial sein sollte. Foto: Sicherheit-Zeitung AT

Genau deshalb fordert die Plattform Pro Polizei Österreich eine Diskussion darüber, ob besonders sensible Orte künftig stärker geschützt werden sollten. Die Initiative hat in ihrer Community bereits eine breite Debatte ausgelöst. Die Sicherheit-Zeitung hält diesen Ansatz für mehr als sinnvoll: bedeutende religiöse Stätten, zentrale touristische Symbolplätze, historische Begräbnisorte und auch kritische Infrastrukturen wie große Bahnhöfe sollten nicht selbstverständlich zur Bühne für Kundgebungen mit erheblichem Eskalationspotenzial werden. Solche Versammlungen könnten an geeignetere Orte verlegt werden, an denen Sicherheit und Versammlungsfreiheit besser miteinander vereinbar sind.

Historische menschliche Gebeine in den Katakomben des Stephansdoms.
Bild: Veröffentlichung mit Genehmigung des Kirchenmeisteramtes der Domkirche St. Stephan. Historische menschliche Gebeine in den Katakomben des Stephansdoms. Die Sicherheit-Zeitung möchte mit diesem Bild und mit Genehmigung des Kirchenmeisteramtes daran erinnern, dass dieser Ort nicht nur eine touristische Sehenswürdigkeit, sondern auch ein Ort der Geschichte, des Glaubens und der Totenruhe ist – und deshalb besonderen Respekt verdient. Foto: Sicherheit-Zeitung AT

Beim Stephansplatz kommt noch ein besonderer Aspekt hinzu: Unter dem Dom und dem Platz liegt ein historischer Friedhof. Rund 11.000 Wienerinnen und Wiener wurden dort beigesetzt. Touristen, Gottesdienstbesucher und Menschen, die einen Ort des Glaubens und der Erinnerung aufsuchen, sollten nicht in politische Straßenkämpfe hineingezogen werden.

„Trotz eines massiven Touristenaufkommens sind die Katakomben ein echter Friedhof.“

Das Kirchenmeisteramt St. Stephan, Wien

Vermummte, Polizeisperren, fliegende Gegenstände und verletzte Beamte vor einem Dom und einem historischen Friedhof werfen nicht nur ein miserables Bild auf die österreichische Hauptstadt. Sie sind Ausdruck vollständiger Respektlosigkeit gegenüber diesem Ort, seiner Geschichte und den Menschen, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Eine Debatte, die weit über den Stephansplatz hinausgeht

Die große Diskussion unter dem Beitrag von Pro Polizei Österreich sowie der Aufruf zu mehr bürgerlicher Beobachtung und Beweissicherung zeigen zunächst eine klare Tendenz.

Die Auswertung von rund 280 inhaltlich verwertbaren Wortmeldungen ergibt keine repräsentative Bevölkerungsumfrage, sehr wohl aber ein deutliches Stimmungsbild der Community: Unter den klar positionierten Kommentaren überwiegt eindeutig die Forderung nach konsequenterem Einschreiten, mehr Rückhalt für die Polizei, einer strengeren Durchsetzung bestehender Regeln und politischen Konsequenzen.

Der ehemalige Wiener Polizeidirektor Dr. Georg Samuely bringt die Bedeutung solcher Angriffe für den Rechtsstaat knapp auf den Punkt:

„Polizeikräfte dienen der Sicherheit unserer Gesellschaft, der Aufrechterhaltung unserer Werte, des liberalen demokratischen Rechtsstaates. Wer Polizeikräfte aggressiv angreift, greift unsere Gesellschaft an.“

(Dr. Georg Samuely, ehemaliger Wiener Polizeidirektor)

Teilweise gehen einzelne Wortmeldungen erheblich darüber hinaus und reichen bis zu drastischen, teils offenkundig überspitzten oder ironisch formulierten Gewaltfantasien. Aber rechtsstaatliche Konsequenz bedeutet nicht Rache und schon gar nicht unverhältnismäßige Gewalt.

Gerade deshalb ist die Gegenreaktion bemerkenswert. Selbst in einer überwiegend polizeifreundlichen Community meldeten sich einzelne Kommentatoren zu Wort, die den Verlauf aus der Perspektive der antifaschistischen Kundgebung verteidigten oder die Verantwortung für die Eskalation zur Polizei und zur rechten Gegengruppe verschoben.

Einer, vermutlich aus den Reihen der Antifa, argumentierte sinngemäß, <<die Polizisten hätten sich selbst zum Ziel gemacht, weil sie gegen die herangekommene rechte Gruppe angeblich nicht schnell genug eingeschritten seien>>

Ein anderer meinte, <<würde man die von ihm als „Nazis“ bezeichneten Personen wegsperren, würden Antifaschisten gar nicht erst erscheinen>>

Genau hier liegt ein demokratiepolitisches Problem. Nicht unbedingt „Polizisten dürfen angegriffen werden“, sondern sinngemäß: Die Polizei habe durch eine vermeintlich falsche Einsatzentscheidung ihre Legitimität als neutrales Gegenüber verloren. Doch eine solche Logik ist mit einem Rechtsstaat nicht vereinbar. Die Polizei ist nicht deshalb „rechts“, weil sie eine rechte Gruppe vor Angriffen schützt, genauso wenig ist sie „links“, wenn sie linke Demonstranten vor Übergriffen schützt. Sie trennt Menschen, verhindert unmittelbare Angriffe und schützt das Recht jedes Einzelnen, seine Meinung im gesetzlichen Rahmen zu äußern. Dass Polizeischutz einer unpopulären oder provozierenden Gruppe als politische Parteinahme interpretiert wird, ist eine gefährliche Verdrehung der Funktion demokratischer Polizei.

Die Redaktion hat darüber hinaus in den vergangenen zwei Jahren bei verschiedenen politischen Demonstrationen wiederholt beobachtet, dass Vermummung, aggressive Polizeiparolen und das Bedrängen von Sperren besonders im radikalen linken Gegenprotest auftraten. Bei Kundgebungen rechter oder identitärer Gruppen wiederum mussten Polizeikräfte regelmäßig verhindern, dass aggressive Gegendemonstranten unmittelbar an diese herankamen. Wer bei Demonstrationen des politischen Gegners dessen Provokation durch Gegenprotest für legitim hält, kann schwerlich behaupten, bei der eigenen Kundgebung dürfe die Gegenseite nicht ebenfalls provozierend erscheinen. Die Grenze muss für beide Seiten dieselbe sein: Provokation mag unangenehm sein – Gewalt ist deshalb noch lange nicht erlaubt.

Die Plattform Pro Polizei Österreich hat selbst bei einer früheren Auseinandersetzung vor der Karlskirche im Juni 2021 berichtet, wie aus dem linksradikalen Spektrum „Ganz Wien hasst die Polizei“ skandiert wurde und Polizeikräfte von Demonstranten eng umringt und mit Gegenständen beworfen wurden.

Europa hat genügend historische Erfahrung damit, was geschieht, wenn politische Bewegungen sich selbst zur einzig legitimen Wahrheit erklären. Nationalsozialismus, Stalinismus, die kommunistischen Diktaturen des Ostblocks und andere totalitäre Systeme unterscheiden sich ideologisch erheblich, teilten jedoch entscheidende Merkmale: politische Gegner wurden entrechtet, staatliche Gewalt ideologisiert und Pluralismus beseitigt. Antifaschismus verliert daher seine Glaubwürdigkeit dort, wo unter seinem Namen wiederum Menschen eingeschüchtert, Andersdenkende mit Gewalt bekämpft oder Polizeibeamte zum Feind erklärt werden. Wer Demokratie verlangt, muss Demokratie auch dann akzeptieren, wenn andere eine Meinung vertreten, die man selbst ablehnt. Sonst entsteht unter dem Etikett des Antifaschismus ausgerechnet jenes autoritäre Freund-Feind-Denken, das man zu bekämpfen behauptet.

Das eigentliche Problem für die demokratische Mitte ist deshalb Extremismus selbst – rechts, links oder religiös begründet. Wenn Rechtsextreme, gewaltorientierte Linksextreme und andere radikale Gruppen denselben öffentlichen Raum für ihre gegenseitigen Feindbilder beanspruchen, werden unbeteiligte Bürger, Touristen, Beschäftigte und Einsatzkräfte faktisch zu Zuschauern und möglichen Betroffenen eines Konflikts, den sie weder verursacht noch gesucht haben. Die Stadt trägt Polizeikosten, Verkehrsbehinderungen, wirtschaftliche Auswirkungen und das Risiko einer Eskalation.

Wir halten es deshalb für richtig, den Stephansplatz nicht länger selbstverständlich als Bühne für Versammlungen mit vorhersehbar hohem Eskalationsrisiko zu behandeln. Entscheidend müssen konkrete Gefahrenprognosen sein: bekannte Gewaltbereitschaft, erwartbare Vermummung, gefährliche Gegenstände, aggressive Gegenmobilisierung oder frühere vergleichbare Eskalationen. Eine darüber hinausgehende neutrale Schutzregelung für besonders sensible religiöse, historische und stark frequentierte Orte wäre jedenfalls eine legitime politische Debatte.

Und diese Debatte wird dringlicher. Nach Angaben des Bundesministeriums für Inneres verzeichnete Österreich 2025 den höchsten Stand angezeigter Straftaten seit zehn Jahren und bei der Gewaltkriminalität ein 25-Jahres-Hoch. Gleichzeitig weist das BMI darauf hin, dass die Wiener Polizei weiterhin einen hohen Personalbedarf hat. Nach den von der Polizei Wien an die Sicherheit-Zeitung übermittelten Zahlen sank der Wiener Exekutivpersonalstand zwischen 2019 und 2025, während die Zahl der Verletzungen durch Fremdeinwirkung bei Amtshandlungen stieg, wie die Zeitung im Mai 2026 umfassend berichtete.

Vor diesem Hintergrund muss sich auch die Politik fragen, wie attraktiv der Polizeiberuf bleiben kann, wenn immer mehr Einsatzkräfte für politisch aufgeladene Großlagen benötigt werden und dabei beschimpft, beworfen oder verletzt werden. Das Risiko ist eine schleichende Entwertung des Polizeiberufs und eine zunehmende Abschreckung potenzieller Bewerber für den Exekutivdienst. Der langjährige Salzburger Polizeiexperte Peter Althaler verweist in der Diskussion auf der Plattform Pro Polizei Österreich aus jahrzehntelanger eigener Erfahrung auf die Verantwortung von Politik, Justiz, Medien und Polizeiführung sowie auf die Bedeutung konsequenter Beweissicherung. Zugleich begrüßt er den Aufruf der Plattform zu mehr bürgerlicher Beobachtung und zur Sicherung von Bild- und Videomaterial bei solchen Einsätzen.

„Finde es ausgezeichnet, dass öffentlich aufgefordert wird, Beweismittel beizubringen.“

(Peter Althaler, Polizeiexperte und Einsatztrainer)

Eine Demokratie braucht Demonstrationen. Sie braucht Opposition, Widerspruch und auch unbequeme Meinungen. Sie braucht aber keine politischen Straßenschlachten. Wenn der Staat nicht rechtzeitig klare Grenzen zwischen Protest und Gewalt zieht, wird irgendwann nicht mehr über Deeskalation diskutiert, sondern über wesentlich härtere Formen staatlicher Ordnungspolitik. Europa kennt auch solche Entwicklungen aus seiner Geschichte. Dann könnten wir uns noch daran erinnern, wie wertvoll eine zivile, gut ausgebildete und deeskalierende Polizei eigentlich war – und sie womöglich schmerzlich vermissen.

Deeskalation darf auch weiterhin ein wesentliches Instrument der österreichischen Polizei bleiben. Sie ist keine Schwäche. Gleichzeitig muss nach wiederholten Vorfällen gefragt werden, ob die Strategie der „weißen Handschuhe“ gegenüber vermummten und erkennbar gewaltbereiten Teilen extremistischer Szenen auf Dauer noch ausreicht. Besonnenheit darf nicht mit Wehrlosigkeit verwechselt werden – und der Stephansplatz darf ebenso wenig zum Experimentierfeld für politischen Straßenkampf werden.

Hier unten der 2. Post der Plattform Pro Polizei Österreich auf X vom 2. August über das Geschehen in Wien am 25. Juli 2026:

(Hauptbild: Symbolbild; Polizei Wien am Stephansdom – Foto: Sicherheit-Zeitung)

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