Eine Parole, keine gewöhnliche Schmiererei
In der ÖBB-Station Wien Rennweg wurde vor kurzem ein großflächiger italienischer Schriftzug entdeckt und fotografisch dokumentiert: „MORTE ALLE SPIE“. Auf Deutsch bedeutet das: „Tod den Spionen“.
Der Hinweis kam von Reportern aus dem Umfeld von Pro Polizei Österreich und der öffentlichen Beobachtungsinitiative #SchütztUnsereBahn an die Sicherheit-Zeitung. Unsere Redaktion beobachtet seit Februar verstärkt Bahnhöfe, Stationen und sicherheitsrelevante Auffälligkeiten im Bereich öffentlicher Verkehrsinfrastruktur. Dabei geht es nicht nur um Vandalismus, sondern auch um die Frage, ob öffentliche Flächen zunehmend als Bühne für radikale Botschaften genutzt werden.
Aus Sicht der Redaktion handelt es sich bei „MORTE ALLE SPIE“ nicht um eine gewöhnliche Graffiti-Schmiererei. Der Schriftzug ist deutlich oberhalb anderer Graffiti angebracht, räumlich klar getrennt, geometrisch präzise und sehr sichtbar gestaltet. Gerade diese Platzierung macht einen Unterschied: Die Botschaft steht nicht zufällig zwischen anderen Zeichen, sondern wirkt wie eine bewusst gesetzte politische Drohparole. Die Anbringung in dieser Höhe spricht zudem gegen eine spontane Aktion. Vielmehr dürfte zumindest eine Leiter oder eine andere Aufstiegshilfe im Bereich des Bahngleises verwendet worden sein, was auf einen gewissen Planungs- und Organisationsaufwand schließen lässt.
Historisch belastete Feindsprache
Die Parole ist nicht harmlos. „Tod den Spionen“ ist historisch schwer belastet. Bereits in der sowjetischen Stalinzeit wurde die Formel im Zusammenhang mit SMERSH bekannt, einer sowjetischen Gegenspionage-Struktur während des Zweiten Weltkriegs. In Italien erinnert die Sprache zusätzlich an alte revolutionäre, stalinistische und linksradikale Feindbilder.
In der italienischen Geschichte hatte der Begriff „Spione“ nicht nur die Bedeutung klassischer Nachrichtendienstpersonen. In extremistischen Milieus konnte damit auch ein „Spitzel“, „Denunziant“, Zeuge, Beobachter, politischer Gegner, Beamten, Unterstützer der Exekutive oder jemand gemeint sein, der staatliche Stellen gegen Extremisten einschaltet. Genau deshalb ist diese Parole so gefährlich: Sie richtet sich nicht nur gegen abstrakte „Spione“, sondern gegen Menschen, die als Feinde, „Verräter oder Vertreter des Staates“ markiert werden.

Italien kennt diese Sprache aus einer Zeit, in der revolutionäre Gruppen, darunter marxistisch-leninistisch geprägte Terrororganisationen, erhebliche Schäden verursachten und gezielte Angriffe gegen Vertreter des Staates, Politiker, Beamte, Journalisten, Zeugen und Personen aus dem eigenen Umfeld verübten. Der Fall Guido Rossa, eines italienischen Gewerkschafters, der nach seiner Aussage gegen einen Brigadisten von den Brigate Rosse ermordet wurde, zeigt, wie tödlich diese Logik der Feindmarkierung werden konnte.
Polizei Wien: bislang lag nichts vor
Die Sicherheit-Zeitung hat zu dem Schriftzug eine Medienanfrage an die Pressestelle der Polizei Wien gerichtet. Aus der Rückmeldung geht hervor, dass zu dieser konkreten Botschaft bislang keine bekannten Informationen vorlagen. Nach dem Hinweis der Redaktion wurden weitere polizeiliche Schritte geprüft und gegebenenfalls Ermittlungen vorgesehen.
Aus Sicht der Sicherheit-Zeitung ist das ein wichtiger Schritt. Ein solcher Schriftzug sollte nicht nur als gewöhnliche Sachbeschädigung oder als Teil des allgemeinen Graffiti-Problems betrachtet werden. Wenn eine historisch belastete Drohparole im Bereich einer Bahnstation auftaucht, stellen sich mehrere sicherheitsrelevante Fragen: Wer hat den Schriftzug angebracht? Konnten mögliche Videoaufzeichnungen rechtzeitig gesichert werden? Gibt es ähnliche Parolen bereits an anderen Orten in Wien? Und handelt es sich um eine Einzelaktion oder um ein Zeichen eines organisierten radikalen Umfelds?
Warum Wien diese Botschaft ernst nehmen muss
In dem Schriftzug liegt eine klare radikale Botschaft vor. Inhalt, Sprache, Gestaltung und Platzierung legen den Verdacht nahe, dass die Parole aus einem linksradikalen, möglicherweise marxistisch geprägten Milieu stammt. Eine konkrete Gruppe ist derzeit nicht identifiziert. Gerade deshalb ist eine genaue Prüfung notwendig.
Wien ist seit Jahren Schauplatz international zusammengesetzter Protest- und Aktivistenmilieus. Auch im universitären Umfeld und bei antifaschistischen Mobilisierungen wurden immer wieder internationale Bezüge, darunter auch italienischsprachige Akteure, sichtbar. Das beweist keine Täterschaft im Fall Rennweg. Es zeigt aber, dass italienische politische Symbolsprache in Wien nicht automatisch als Zufall abgetan werden sollte.
Die Wand am Rennweg zeigt dabei zwei unterschiedliche Probleme auf derselben Bühne. Einerseits steht dort der massive Vandalismus durch Graffiti, der öffentliche Infrastruktur beschädigt und Stationen optisch verwahrlosen lässt. Andererseits zeigt dieser konkrete Schriftzug, dass dieselben Flächen auch für radikale Botschaften und politische Drohungen genutzt werden können. Das Graffiti-Problem und die Drohparole sind daher nicht dasselbe, treffen sich aber am selben Ort.
Wir stellen uns deshalb eine klare Sicherheitsfrage: Sind die aktuellen Kameraüberwachungen, Kontrollmechanismen, Reinigungsabläufe und Reaktionszeiten ausreichend, um solche Entwicklungen in Bahnhöfen und Stationen unter Kontrolle zu halten? Oder verlieren öffentliche Verkehrsinfrastrukturen Schritt für Schritt an Ordnung, Übersicht und Sicherheit?
Wenn eine Parole sichtbar an einer Bahnstation stehen bleibt und sich rundherum weitere Graffiti sammeln, entsteht der Eindruck, dass öffentliche, kritische Infrastruktur immer stärker zur Bühne für Vandalismus, Propaganda und Einschüchterung wird.
UPDATE JULI 2026: Schriftzug am Rennweg entfernt
Die ÖBB hat der Sicherheit-Zeitung AT inzwischen mitgeteilt, dass der Schriftzug „MORTE ALLE SPIE“ an der Station Wien Rennweg entfernt wurde.
Die Redaktion überprüfte den betreffenden Bereich im Juli 2026 selbst vor Ort. Dabei konnte bestätigt werden, dass die Parole nicht mehr sichtbar ist. Die Schrift wurde mit grauer Farbe überstrichen, deren Farbton weitgehend der umgebenden Wandfläche entspricht. Andere Graffiti in unmittelbarer Nähe – oberhalb, unterhalb sowie seitlich des entfernten Schriftzuges – waren hingegen weiterhin vorhanden und wurden nicht beseitigt.
In ihrer Antwort auf eine Medienanfrage erklärte die ÖBB zudem, dass sie von der Polizei Wien zuvor nicht zu diesem konkreten Vorfall kontaktiert worden sei. Da der Sachverhalt erst nach Ablauf der regulären Speicherfrist für Videoaufzeichnungen bekannt geworden sei, stünden entsprechende Aufnahmen nicht mehr zur Verfügung. Auch zum genauen Zeitpunkt, zu dem der Schriftzug erstmals angebracht beziehungsweise festgestellt wurde, könne die ÖBB keine gesicherten Angaben machen.
Nach Angaben des Unternehmens werden politisch oder ideologisch motivierte Parolen grundsätzlich dokumentiert und nach Bekanntwerden möglichst rasch entfernt. Im gegenständlichen Fall war die Reinigung nach der Anfrage der Sicherheit-Zeitung beauftragt worden.

































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