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„Fräulein Polizist“ damals – Polizistinnen heute: 35 Jahre Gleichstellung in der österreichischen Exekutive

Mit Dezember 2025 begeht Österreich ein besonderes Jubiläum: 35 Jahre Frauen im regulären, gleichgestellten Polizeidienst. Denn genau im Dezember 1990 wurde erstmals eine Ergänzungsausbildung für Frauen geschaffen, die ihnen ein Jahr später den Zugang zum vollwertigen Exekutivdienst eröffnete. Dieser Schritt markierte den offiziellen Beginn der Gleichstellung im österreichischen Polizeiwesen – und veränderte die Exekutive nachhaltig: personell, strukturell und kulturell.

Das Innenministerium teilte der Sicherheit-Zeitung AT auf Anfrage mit, dass der Frauenanteil im Exekutivdienst: 2006 bei knapp 10 %, 2023 bei rund 24 %, und im November 2025 bereits bei 26 % lag.

Damit hat sich die Zahl der Polizistinnen innerhalb einer Generation mehr als verdoppelt. Für die Jahre davor existieren keine gesonderten Aufzeichnungen. Auch zu Detailaspekten wie Mutterschaft, Karenz oder Rückkehrquoten liegen derzeit keine eigenen Statistiken vor – ein bemerkenswerter Punkt, auf den wir später zurückkommen. Gerade weil Frauen im Polizeidienst heute vielfältige Aufgaben übernehmen und viele von ihnen Beruf und Familie miteinander verbinden, wäre ein besseres Verständnis ihrer Lebensrealitäten gesellschaftlich durchaus relevant.

Doch bevor wir das Gegenwartsbild zeichnen, werfen wir einen Blick zurück ins Jahr 1906, als eine weibliche Polizistin in Österreich noch als Stoff für Humor und Verwunderung galt.

Ein historisches Fundstück: „Fräulein Polizist“ – Kronen Zeitung vom 14. Juni 1906

Der Zeitungsartikel aus dem Jahr 1906 zeigte eindrucksvoll, wie man damals über die Idee weiblicher Polizeikräfte dachte. Das Titelbild löste Spott und Ungläubigkeit aus. In der Zusammenfassung heißt es:

„Da hört alles auf!“ – so reagierten viele Leser, als die Kronen Zeitung 1906 die Vorstellung präsentierte, dass junge Frauen Polizeidienst leisten könnten. Ärzte, Advokaten, Professoren: Diese Berufe hätten Frauen bereits erobert, doch die Polizei? Undenkbar.

Der historische Bericht erwähnte ein Beispiel aus den USA: In Kansas City seien tatsächlich Frauen im Polizeidienst tätig – mutig und erfolgreich, besonders in der Bekämpfung von Sittenvergehen. Die Wiener Redaktion der Kronen Zeitung reagierte darauf mit einer Mischung aus Skepsis und Humor: Man stellte sich vor, wie eine „Fräulein Polizist“ in der Wiener Innenstadt Dienst macht, einen verliebten Jüngling wegen Beamtenbeleidigung verwarnt oder eine Demonstration allein im Zaum hält.

Solche Szenarien waren humoristisch überzeichnet, aber sie zeigen deutlich, welches gesellschaftliche Bild damals herrschte:

Eine Polizistin in Österreich? Für viele schlicht unvorstellbar.

Mehr als ein Jahrhundert später wirkt der Text nicht mehr nur amüsant, sondern vor allem aufschlussreich: Er dokumentiert, wie weit entfernt die Gesellschaft von der Idee war, Frauen in uniformierter Verantwortung ernsthaft einzubinden – und wie groß der kulturelle Weg war, der bis zur tatsächlichen Gleichstellung im Polizeidienst zurückgelegt werden musste.

1910–1990: Rollenbilder, Realität und verpasste Chancen

Bereits 1909 wurde zwar die erste Frau – Franziska Wessely – mit polizeinahen Aufgaben betraut, aber nur in fürsorglichen Bereichen. Während der Weltkriege arbeiteten Frauen ebenfalls in sicherheitsnahen Funktionen, jedoch ohne exekutive Befugnisse. Die gesellschaftlichen Rollenbilder waren eindeutig:
Der Polizeidienst galt als körperlich-männliche Sphäre – für Frauen „unpassend“.

Nach 1945, in der Baby-Boom-Ära, trugen Frauen wesentlich zum Wiederaufbau Österreichs bei. Ihre Rolle als Mütter war für den demografischen und sozialen Neustart entscheidend. Gleichstellung im Polizeidienst stand damals nicht im Fokus – der Staat brauchte Familien, Bevölkerungswachstum, Stabilität. Es dauerte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, bis die Türen endlich geöffnet wurden.

1990–2025: Der Eintritt der Frauen in den regulären Polizeidienst

Bild: Frauen in der Polizei (Foto: Initiative Pro Polizei Österreich)

Im Dezember 1990 wurde der entscheidende Schritt gesetzt: Eine Ergänzungsausbildung ermöglichte Frauen erstmals den Zugang zu einem vollwertigen, gleichgestellten Polizeidienst. Ab 1991 waren Polizistinnen ihren männlichen Kollegen rechtlich gleichgestellt. Von diesem Zeitpunkt an begann ein nachhaltiger Wandel. Frauen wurden systematisch in die Ausbildung integriert, gemischte Streifen wurden zur Normalität, Führungsrollen öffneten sich schrittweise, und sogar Spezialeinheiten begannen zaghaft, Frauen aufzunehmen. Parallel dazu modernisierte die Polizei ihr Selbstverständnis. Heute ist mehr als ein Viertel der Exekutivbeamten weiblich.

Der historische Originaltext von 1906 – in moderner Übersetzung

(Bild: Der historische Zeitungsausschnitt – Kronen Zeitung, 14. Juni 1906 – stammt aus der Österreichischen Nationalbibliothek und ist gemeinfrei. Der hier gezeigte Foto-Scan wurde von der Initiative Pro Polizei Österreich selbst angefertigt und bearbeitet)

<< 14.06.1906 Fräulein Polizist

Unser Titelbild

Da hört aber doch schon alles auf!“ – so wird wohl mancher denken, wenn er unser Titelbild betrachtet. „Das gerade würde uns noch fehlen!“
Die Mädchen übernehmen ohnehin schon viele Berufszweige, die früher den Männern vorbehalten waren: es gibt weibliche Ärzte, weibliche Advokaten, weibliche Professoren, das ganze Heer der Beamtinnen, Buchhalterinnen und Maschinschreiberinnen gar nicht mitgerechnet. Und jetzt auch noch weibliche Polizisten? Da müssten die Männer ja bald Stricken und Nähen lernen!

Ganz so schlimm ist es allerdings nicht. Es gibt tatsächlich schon weibliche Polizisten – aber nicht bei uns, sondern drüben in Amerika, in Kansas City im Staat Nebraska. Dort sind seit einiger Zeit junge und auch etwas ältere Damen im Polizeidienst tätig. Und das gar nicht zu ihrem Nachteil. Mut fehlt es ihnen nicht, vor allem im amerikanischen Sinn von Tatkraft und Energie.
Da man in Amerika, besonders in den Städten, die sogenannten „Sittenvergehen“ und die Gesetzesverstöße gegen Frauen sehr ernst nimmt, ist dort tatsächlich schon ein niederträchtiger Gesetzesbrecher von einer weiblichen Polizistin in Kansas City verhaftet worden.

Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, von einer jungen und hübschen Polizistin verhaftet zu werden. Bisher läuft aber alles glatt, und die männlichen Einwohner der Stadt scheinen die weibliche Wachsamkeit durchaus zu schätzen. Besonders nachts sind die Damen-Polizisten im Einsatz und zeigen, dass sie durch Ausbildung und Auftreten sehr wohl für den Dienst geeignet sind.
Viele Leute behaupten allerdings, Frauen in Uniform seien eine Beleidigung ihres Geschlechts, weil sie die „weibliche Anmut“ mindere. Die Polizistinnen von Kansas City sehen das anders. Sie sind stolz auf ihre Uniform, und auch viele Männer scheinen davon ganz angetan zu sein – wie ein Vorfall zeigt, der sich kürzlich dort ereignete.

Ein junger Mann, der an einem lauen Sommerabend von seiner Verlobten heimkehrte, ließ sich von der romantischen Mondnacht dazu verleiten, noch ein wenig spazieren zu gehen.
Er pflückte dabei eine duftende Rose – in der Annahme, niemand sehe ihn. Doch im nächsten Moment wurde er von einer weiblichen Polizistin überrascht. Sie verlangte seinen Namen und eine Geldstrafe. Das wäre eigentlich alles gewesen, wenn sich der junge Mann nicht sofort unsterblich in die schöne Ordnungshüterin verliebt hätte.
Er machte ihr den Hof, und schließlich heirateten die beiden.

Diese Eheschließung löste natürlich heftige Empörung unter den übrigen Polizistinnen aus, die darin einen „unlauteren Wettbewerb“ sahen. Doch bald legte sich die Aufregung, und die Frauen-Polizei von Kansas City genoss bald hohes Ansehen. So sehr, dass die Damen dort heute sehr stolz auf ihre uniformierten Schwestern sind – auch wenn sie zu Beginn über sie gespottet hatten.

Auch eine andere Beobachtung wurde gemacht, die allerdings weniger schmeichelhaft ist:
Die Eignung von Frauen für den Polizeidienst scheint doch gewisse Grenzen zu haben. In den meisten Fällen beschränkten sich ihre Erfolge auf die Verhaftung älterer Herren, Landstreicher und Bettler.
Es schien fast, als hätten sich die jungen Gauner von Kansas City über Nacht in gesetzestreue Bürger verwandelt – was leider nicht zutraf.

Ein höherer Polizeibeamter stellte jedoch fest, dass die weiblichen Polizisten meist milder vorgingen und eher mit Freundlichkeit als mit Strenge arbeiteten, was von vielen Menschen sehr geschätzt wurde. Dennoch dürfte ihre Zeit bald vorbei sein, denn schon mehren sich die Stimmen, dass die „Herrschaft der Männer“ im Polizeiwesen bald wiederhergestellt werden soll.

Unser Zeichner hat versucht, diese amerikanischen Verhältnisse auf Wiener Boden zu übertragen.
Natürlich ist das eine lustige Fantasie des Illustrators, dessen Titelbild zeigt, wie es aussehen könnte, wenn es in Wien einmal weibliche Polizisten gäbe.

Sehr hübsch würde so eine feine Wienerin in Uniform wohl aussehen – die große Figur des Fräulein Polizist auf unserem Titelbild beweist es.
Auch die Energie, mit der sie die „Plattenbrüder“ (Gauner) zur Ordnung ruft, ist nicht zu verachten – ebenso wenig der Mut, mit dem ein einziges Fräulein Polizist einen ganzen Demonstrationszug in Schach hält.

Besonders amüsant wäre wohl der Anblick, wenn ein verliebter Jüngling an einer Polizistin vorbeigeht, sie charmant anlächelt – und dann prompt wegen „Beamtenbeleidigung“ angezeigt wird. Ob er dieser Strafe dann durch „Zwang zur Verlobung“ entgehen kann, bleibt ungewiss. Sicher ist nur eins:
So etwas könnte einem Sicherheitsmann niemals passieren.
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Frauen sind heute ein unverzichtbarer Teil der österreichischen Exekutive. Der Fortschritt ist sichtbar, professionell und nachhaltig. Ohne Polizistinnen wäre Österreichs Sicherheitsarchitektur heute deutlich ärmer. Sie tragen die Uniform – und oft auch die nächste Generation.

Internationale Studien zeigen zudem, dass weibliche Polizeikräfte im Bereich Gewaltschutz eine besondere Rolle einnehmen können: Opfer häuslicher oder sexueller Gewalt wenden sich deutlich häufiger an weibliche Beamte, weil sie sich eher öffnen und Vertrauen fassen. Eine divers aufgestellte Polizei stärkt somit nicht nur ihre Einsatzfähigkeit, sondern auch das Vertrauen jener Menschen, die Schutz am dringendsten benötigen.

In einer modernen und zivilisierten Gesellschaft steht die Präsenz von Frauen im Polizeidienst zugleich für ein klares Bekenntnis zu gleichen Rechten und gegenseitigem Respekt. Sie zeigt, dass Frauen sich weder einschüchtern lassen noch bereit sind, sich durch frauenfeindliche Ideologien oder extremistische Tendenzen in ihrer Würde mindern zu lassen. Ihre sichtbare Rolle im Sicherheitsapparat sendet ein starkes gesellschaftliches Signal – nach innen wie nach außen.

Und eines darf man nicht vergessen: Polizistinnen bringen nicht nur Kompetenz und Empathie ein, sondern verleihen der Polizei auch Vielfalt und menschliche Präsenz. Manche würden sogar sagen: Sie machen die Polizei ein Stück schöner.

Update: DSN 19.12.2025

Mit 1. Jänner 2026 übernimmt Sylvia Mayer die Leitung der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN). Sie folgt damit auf Omar Haijywi-Pirchner und ist die erste Frau, die diese Funktion seit Bestehen der DSN sowie ihrer Vorgängerorganisationen innehat.

Diese Personalentscheidung unterstreicht die langfristige Entwicklung, die dieser Artikel nachzeichnet: Frauen übernehmen heute nicht nur operative Aufgaben im Polizeidienst, sondern auch zentrale Führungs- und Verantwortungsfunktionen im Bereich der inneren Sicherheit.

(Bild: Historischer Zeitungsausschnitt aus der Kronen Zeitung vom 14. Juni 1906, archiviert in der Österreichischen Nationalbibliothek. Der hier gezeigte Foto-Scan wurde von der Initiative Pro Polizei Österreich selbst angefertigt und bearbeitet)

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